90 Jahre einer imposanten Biographie

Was für lebhafte Stunden in der letzten historischen Halle des Stammwerks von Johann Puch! Der Anlaß? Im Jahr 1955 begann Egon Rudolf seine Tätigkeit als Konstrukteur bei der Steyr-Daimler-Puch AG. Was wir heute knapp Puchwerk nennen, waren damals die Grazer Werke, nämlich das Einser-Werk, wo heute das Museum eingerichtet ist, und das Zweier-Werk, also Werk Thondorf, heute Magna Steyr.

Multitasking: Was Jubilar Egon Rudolf an Händen zu schütteln hatte, brauchte einige Kondition

Multitasking: Was Jubilar Egon Rudolf an Händen zu schütteln hatte, brauchte einige Kondition

Die Jahreszahl 1955 macht deutlich: Da hatte die Arbeit am Puch-Schammerl begonnen, das 1957 auf den Markt kam, 1959 folgte der Haflinger. Rudolf reüssierte zum Gruppenleiter der Fahrwerkskonstruktion, schließlich zum Leiter der Versuchsabteilung. Außerdem promovierte er 1975 an der TU Graz zum Dr. techn, stieg schließlich im Puchwerk zum Werksdirektor auf.

Das ist aus heutiger Sicht eine ungewöhnliche Berufslaufbahn, da Spitzenkräfte gegenwärtig in der Automobilindustrie oft kaum mehr als vier Jahre in einem Betrieb bleiben. Freilich hat sich die Branche völlig verändert. Egon Rudolf überblickt eine enorme Zeitspanne. Er wurde 1928 geboren, in einer Zeit, da die Völker von den Folgen des Großen Krieges noch kaum genesen waren.

Der Zweite Weltkrieg stand bevor, Rudolf durchlebte also inzwischen drei Staatsformen, vor allem aber auch zwei industrielle Revolutionen, eine davon, die Digitale Revolution, während seiner aktiven Berufstätigkeit.

Von links: Markus Rudolf, Wolfgang Zitz, Egon Rudolf

Von links: Markus Rudolf, Wolfgang Zitz, Egon Rudolf

Die Automobilindustrie absolvierte in all diesen Jahrzehnten durch technische Entwicklungen gewaltige Sprünge. Anfang der 1930er Jahre drückte sich das anschaulich aus, da gleichermaßen in Europa und in den USA die Stromlinie Furore machte. Eine bahnbrechende Neuerung, die nicht nur technisch, sondern auch ästhetisch bis heute nachwirkt.

Ich erwähne das, weil dazu im Hintergrund paßt, daß neuerdings eine wunderschöne Version des Steyr 50 „Baby“ im Museum steht. Eine außergewöhnliche Konstruktion von Karl Jenschke, der damit nicht nur für 1936 einen frühen Meilenstein zum Thema Kompaktwagen schuf, sondern auch den ersten deutlich erkennbaren „Streamliner“ aus österreichischer Serienproduktion, dem Jenschkes Steyr 100 als „Stromlinien-Auto“ vorangegangen war.

Steyr „Baby“: Karl Jenschkes 1930er Jahre Vorbote des Kompaktwagens

An der Schwelle des Jahrhundert-Umbruchs: Steyr 50 „Baby“, Karl Jenschkes Vorbote des Kompaktwagens in den 1930er Jahren

Das ist ein historisch passendes Fahrzeug, um damit im Johann Puch Museum zu Rudolfs Karriere überzuleiten. An diesen historischen Ort hatte also die Familie Rudolf eine Schar fröhlicher Gäste eingeladen, um mit dem Jubilar am 17. März 2018 dessen 90. Geburtstag zu feiern. Das geriet zu einer bewegenden Zusammenkunft sachkundiger Menschen, man muß sagen: erfahrener Puchianer, die auf allen Ebenen des Geschehens im Puchwerk gewirkt haben.

Rudolf, der mit allen wesentlichen Automobilen aus der Grazer Nachkriegsproduktion befaßt war, die ja auch im Museum zu sehen sind, hat das übrigens in einem Buch geschildert, welches im Weishaupt Verlag inzwischen die Zweite Auflage erreicht hat: „Puch“ (Eine Entwicklungsgeschichte) von Egon Rudolf.

Selbst wer den Jubilar persönlich nicht näher kannte, war unweigerlich angerührt von so mancher Szene dieses Festes, da sich Menschen trafen, die ein Stück Technologiegeschichte verkörpern, welches inzwischen schon geschichtlich ist, weil sich die Automobilentwicklung ebenso radikal verändert hat wie die Weltwirtschaft.

Das Ehepaar Rudolf, Zeugen einer enorm kontrastreichen Ära

Das Ehepaar Rudolf, Zeugen einer enorm kontrastreichen Ära

Das mochte unter anderem daran deutlich werden, daß sich Wolfgang Zitz, Vice President Contract Manufacturing von Magna Steyr, unter den Gratulanten eingefunden hatte.

Er repräsentiert diese umfassend veränderte Situation, in der sich technische Details und Handels-Usancen so gründliche verschoben haben. Allein die Bereichsbezeichnung Contract Manufacturing drückt das deutlich aus: die Auftragsfertigung für andere Hersteller, statt eine eigene Automarke zu führen.

Vor diesem Hintergrund wurde das Geburtstagsfest von Rudolf auf dem Boden des Puch’schen Einser-Werkes selbst zum historischen Ereignis innerhalb der steirischen Geschichte. Die ist ja, wenn man auf die vergangen zweihundert Jahre blickt, da wir in permanenter technischer Revolution leben, eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte.

Es waren nämlich sehr wesentlich geschickte Handwerker und schließlich kompetente Ingenieure, die den Kaufleuten an die Hand lieferten, was nötig war, um aus der ursprünglich sehr rückständigen Steiermark, stellenweise ein Armenhaus der Monarchie, ein blühendes Land werden zu lassen.

Das hat überdies eine Dimension, in welcher Weltgeschichte die Regionalgeschichte berührt, wozu Erzherzog Johann von Österreich seinserzeit wesentliche Fundamente gelegt hatte. Eine Basis, auch ein Erbe, aus dem viele inspirierte Menschen etwas zu machen wußten; wie eben Egon Rudolf.

— [Rudolf-Doku] —

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Martin Krusche, Künstler, siehe: [link]