Der Puch-Marsch

Vor rund eineinhalb Jahren brachte mich der Publizist Andreas Stangl auf die Spur des Puch-Marsches von Eduard Wagnes. Zu seiner neuerlichen Aufführung in Gleisdorf erwähnte Kapellmeister Siegfried Teller, Marschlieder seien längst aus der Mode und damals hätten die Instrumente ganz anderes geklungen.

Andreas Stangl

Andreas Stangl

Wagnes hat die Noten mit Mai 1900 datiert. Wir dürfen annehmen, daß dieses Stück ab dem Ersten Weltkrieg nicht mehr aufgeführt wurde. Der Komponist war Militärkapellmeister der Grazer „Zweier-Bosniaken“, die mit dem Imperium der Habsburger untergingen.

Seit damals fand offenbar niemand mehr einen Anlaß, diese Komposition dem Vergessen zu entreißen. 2014 ist nicht nur das hundertste Jahr nach den Schüssen von Sarajevo, sondern auch nach dem Tod von Altmeister Puch.

Nun mußte das Notenmaterial zu einem gegenwärtig spielbaren Musik umgeschrieben werden, was der erfahrene Komponist und Arrangeur Franz Cibulka übernahm. Teller probte den Marsch mit seinen drei Liedstrophen, brachte die Stadtkapelle Gleisdorf und vier Singstimmen in Einklang.

Moderator Harry Prünster (links) und Kapellmeister Siegfried Teller vor der Stadtkapelle Gleisdorf

Moderator Harry Prünster (links) und Kapellmeister Siegfried Teller vor der Stadtkapelle Gleisdorf

So konnten wir den Puch Marsch am 20. September 2014 auf dem Gleisdorfer Hauptplatz hören. Ein Erlebnis, das eine erhebliche Menschenmenge mit uns teilte und das Harry Prünster moderierte.

Wer dem großen Thema anhängt, der Geschichte des historischen Konzerns Steyr-Daimler-Puch AG, und da wiederum speziell dem Teilthema Puch, wird das mit einem merkwürdigen Gefühl verfolgt haben.

Die Welt dreht sich jetzt natürlich nicht anders, aber wir haben ein Stück Geschichte berührt, sind quasi von einer alten Stimme erreicht worden. Ich kann Ihnen das Gefühl eigentlich nicht beschreiben, diese merkwürdige Unruhe, die mich kurz erfaßt hat.

Es ist so, als hätten sich einige Kenntnisse und Annahmen um eine merkwürdige Dimension ergänzt, gerundet.

Ich versuche einen Vergleich. Handwerker Bernhard Lagler hatte zur Veranstaltung eine elfenbeinfarbene Puch 250 TF aus dem Jahr 1949 mitgebracht. Die „steirische Norton“ ist in passablem Zustand, völlig unrestauriert.

Bernhard Lagler mit seiner 1949er Puch 250 TF

Bernhard Lagler mit seiner 1949er Puch 250 TF

Betrachtet man sie eine Weile, entdeckt man unglaublich viele Nuancen in einer Oberfläche, die über ein halbes Jahrhundert an Gebrauchs- und Alterungsspuren zeigt, deren Lack matt ist, unter dem Tageslicht von Jahrzehnten ein Spektrum an Farbbereichen erhalten hat, die eben bloß in so viel verlaufender Zeit entstehen, die man nicht einfach herbeiführen kann.

In der Betrachtung alter Dinge und im Vernehmen alter Klänge erfahren wir etwas davon, was Zeit ist und was ein Leben sein kann. Vielleicht ist das derart berührend an all den Anstrengungen, die so viele Menschen erbringen, wenn so ein Tag wie der 20. September in Gleisdorf gelingen soll.

Geschichte ist das, was wir von den Dingen erfahren und mit ihnen erleben, was wir deuten, einander zeigen, einander erzählen. In solchen Zusammenhängen widmen wir uns auch der Ehre des Handwerks…

+) Mythos Puch: Die Dokumentation [link]
+) Puch Marsch: Die Aufzeichnung [link]

About sekretaer

Martin Krusche, Künstler, siehe: [link]