Die Kultur der Handarbeit

Es ist ja spaßig! Sagt bei uns jemand „Volkskultur“, dann denken wir vor allem an das „Trachteln“, an Volkstanz in gebügelten Klamotten und an Kunsthandwerk, das uns noch einen Hauch vom agrarischen Leben andeutet. Korbflechten, Kreuzsticken, „Bauernmalerei“…

Das Frisieren und Modifizieren von Fahrzeugen wirft tchnische, handwerkliche und gestalterische Fragen auf

Das Frisieren und Modifizieren von Fahrzeugen wirft technische, handwerkliche und gestalterische Fragen auf


All das wird auch in Kursen gelehrt. Kommerzielle „Volksmusik“ soll dabei eher nicht erklingen. Vieles an diesen heutigen Erscheinungsformen ist — eben so — natürlich nicht vom „Volk“ hochgehalten worden, sondern von bildungsbürgerlichen Kreisen.

Um es etwas goschert zu präzisieren: Ein ästhetisch interessantes Feld unserer Kultur wurde vom Schweißgeruch der körperlichen Arbeit befreit und in bürgerlichen Stuben salonfähig gemacht.

Volkskultur heißt vor allem einmal deshalb so, weil es im Kontrast dazu auch etwas ganz anderes gab. Speziell eine höfische Kultur, die in einer ständischen Gesellschaft auch für die bürgerliche Kultur maßgeblich gewesen ist, normgebend.

Was der hohe Klerus pflegte, darf dabei sicher als Sonderform betrachtet werden. Die hierarchische Anordnung ist unübersehbar.

Bis heute heißt „Kultur“ im Kielwasser dieser Phänomene: Sich vom Schmutz und Schweiß der Arbeitswelt befreien. Sich vom Alltag absetzen und „schön machen“. In den erklärten Tempeln der Kultur keine vulgären oder banalen Auftritte hinlegen und das „kultivierte Publikum“ vor Ort nicht daran erinnern, wie körperliche Arbeit klingt, riecht, sich anfühlt.

Zugegeben, das ist jetzt ein wenig an polemischer Verkürzung. Aber ich will auf etwas hinaus.

Eine massive kulturelle Gemeingelage: Handfertigkeit, Kompetenz und Zeitzeugenschaft aus Jahrzehnten der Praxis während der Arbeits- und der Freizeit (Fredi Taher in der Werkstatt von Sigi Cmyral)

Eine massive kulturelle Gemengelage: Handfertigkeit, Kompetenz und Zeitzeugenschaft aus Jahrzehnten der Praxis während der Arbeits- und der Freizeit (Fredi Thaler in der Werkstatt von Sigi Cmyral)

Bei der in unserer Gesellschaft immer noch sehr verbreiteten Abschätzigkeit gegenüber körperlicher Arbeit, bei der immer noch auffindbaren Geringschätzigkeit gegenüber „Hacklern“, wird manchmal der Blick darauf verstellt, was reale Zusammenhänge von Volkskultur sind.

Hohe ästhetische und kulturelle Qualitäten entstanden zuweilen dadurch, daß Hände und Köpfe, von der täglichen Arbeit geschult, in der Freizeit der Menschen oft beim Thema blieben.

Freizeit, das ist ein junger Begriff. Solche Freizeit dank geregelter Arbeitszeiten kannte mein Großvater noch nicht. Aber eine hohe Zahl kirchlicher Feiertage und Konventionen wie der „blaue Montag“ halfen den Menschen, zur harten Arbeit in einem meist entbehrungsreichen Leben auch kleine Erholungspausen zu gewinnen.

Darin waren manche dann sehr selbstbestimmt, vor allem sehr inspiriert und einfallsreich, weiter tätig.

Korbflechten, Töpfern, Tore schmieden, Leinen weben, Stoff färben, das sind Genres, die wir heute als Kunsthandwerk deuten und mit Bereichen der Volkskultur assoziieren.

Wenn aber jemand sein Fahrrad oder Moped modifiziert, sein Fahrzeug umgestaltet oder ein altes Stück restauriert, kämen wir nicht ohne weiteres auf die Idee, das ähnlich zu bewerten.

In der Geschichte individueller Mobilität ist dieses Phänomen eben noch viel zu jung. Die ersten erschwinglichen Mopeds gab es bei uns ab den 1950er-Jahren. Das „Puch-Schammerl“, ab 1957 produziert, wurde Teil österreichischer Folklore.

Einen Steyr-Bus in luxuriöser Perl-Karosserie wieder aufzubauen, das ist eien Mischung aus handwerklichen und ästhtetishen Herausforderungen

Einen Steyr-Bus in luxuriöser Perl-Karosserie wieder aufzubauen, das ist eine Mischung aus handwerklichen und ästhetischen Herausforderungen

Parallel spielten immer noch Fahrräder für den persönlichen Transport eine große Rolle, waren gediegene Stücke aus Graz und Steyr enorm populär.

All das ist stets auch mit der Arbeitswelt verknüpft gewesen und durfte in der Freizeit Thema wie auch Gegenstand emotional befeuerter Beschäftigung bleiben.

Zusätzlich hat dieser Bereich neue Rituale erbracht. Die breite Bevölkerung konnte sich natürlich — mangels Geld — nie mit „Vintage Cars“ befassen. Aber seit die Fahrzeuge aus den 1960er- und -70er-Jahren eine belebte „Youngtimer-Szene“ ergeben haben, ist uns eine „Löwen Rallye“, was den Reichen der „Concours d’Elegance“ von Pebble Beach ist.

Sie ahnen schon, ich finde es lohnend, Mobilitätsgeschichte und Popkultur rund um die Welt der massentauglichen Fahrzeuge darauf hin zu untersuchen, was sich hier an quasi volkskulturellem Potential abzeichnet.

About sekretaer

Martin Krusche, Künstler, siehe: [link]