Karlheinz Rathkolb

Glosse: Alles beginnt erst

Es war eine gesellige Eröffnung zu erleben. Ein quirliges Durcheinander von altgedienten Puchianern und neuen Neugierigen, kommunalen Kräften und Funktionstragenden, Festgästen und Schaulustigen, Verdienten und Verdienenden, bescheiden Lebenden und gut Situierten, also in Summe genau die Mischung, die über mehr als hundert Jahre das Publikum, die Kundschaft des Johann Puch und seiner technischen Nachfahren ausgemacht hat.

Freibier und gratis Würstel, plus einiger anderer Wohltaten...

Wer einst der Firma Steyr-Daimler-Puch AG durch Arbeit verbunden war, konnte sich überzeugen, daß die Leistungen dieser Ära nicht vergessen sind. Das hat ja auch einiges mit der Identität einzelner Personen zu tun, deren Kompetenzen den Lauf der Dinge geprägt haben.

Bei solchen Veranstaltungen sind auch energische Kritiker des Status quo zu treffen. Ich hatte, über eine Bratwurst mit (wunschgemäß) reichlich Senf und Ketchup gebeugt, gründlich Gelegenheit, mir anzuhören, was es an Einwänden gibt.

Unsere Herzen sind mächtige Wunschmaschinen. Es ist mitunter erstaunlich, welche Agenda dem Altmeister, nein, dem Geist des Altmeisters auferlegt werden. Doch unterm Strich gilt, daß manche Menschen Entscheidungen treffen und sich die Ärmel aufkrempeln, andere das Revisionsgschäft bevorzugen, das die Arbeit der Schwitzenden beurteilt. So sind wir eben, wir wissen meist besseres als wir tun.

Das war übrigens ein Tag, in dem das Schwitzen leicht fiel. Ich höre, es sei das heißeste Juni-Wochenenden seit wenigstens einem Jahrzehnt gewesen. (Wie bedauerlich, daß mein Führerschein nur sehr wenig vom gut gekühlten Freibier aushält.)

Dann gibt es noch so kuriose Momente wie den folgenden: Während ich noch allerhand Kritikpunkte anzuhören hatte, schneite Consti Kiesling vorbei. Den ausgewiesenen Haflinger-Experten [link] kenne ich nun schon so viele Jahre… NUR via Internet. Wir sind uns noch nie zuvor real begegnet, aber jetzt, bei dieser Eröffnung.

Gerhard Stiegler, Vorstandsmitglied von Magna Steyr (links), und Museumsleiter Karlheinz Rathkolb

Es war auch Gelegenheit, Gerhard Stiegler, Vorstandsmitglied von Magna Steyr, kurz um ein paar Klarheiten zu fragen, denn etliche Fans neigen zur Ansicht, das Johann Puch-Museum solle quasi als ein „Werksmuseum“ von Magna angelegt sein und dessen Boss tief in die Schatulle greifen lassen, um die Sache richtig zu machen. Welche Sache?

Ginge es nach etlichen Fans, es liefe vor allem auf ein Puch Fahrradmuseum hinaus, zuzüglich eines Puch Mopedmuseums. (Motorräder und Roller haben bisher kaum Kommentare verursacht.) Das wäre wohl ein Hauptereignis, ergänzt um die Puchschammerl und die Allrad-Ecke. Daß Artefakte aus der Lebenszeit des Altmeisters auch zu berücksichtigen wären, Puch starb ja 1914, ginge dann allerdings extrem ins Geld.

Fahrräder aus dem späten 19. Jahrhundert, Motorräder und Automobile aus dem frühen 20. Jahrhundert, sie alle sind sehr rar, also entsprechend hochpreisig. Sie merken schon, SO kann der Begriff „Johann Puch-Museum“ gar nicht gedeutet werden, schon gar nicht, wenn ein privater Verein die Sache trägt.

Stiegler lächelte angesichts solcher Vorstellungen und machte deutlich: „Warum sollten wir ein Puch-Museum errichten? Wir haben Frank.“

Das Argument will in Ruhe bedacht sein. Auch wenn man die Biographien von Puch und Stronach nicht direkt vergleichen kann, weil sie im Gesamtzusammenhang der Industrialisierung zwei völlig verschiedenen Zeitaltern angehören, so haben sie doch gemeinsam, daß sie als Handwerker aus ganz bescheidenen Verhältnissen begannen; Puch in der Untersteiermark, Stronach in der Oststeiermark.

Die Phantasie, Magna Steyr würde Puch quasi ein Mausoleum errichten, weil man einen der Nachfolgekonzerne, die Steyr-Daimler-Puch AG, übernommen habe, bleibt völlig unrealistisch. Aber davon demnächst mehr aus erster Hand.

Zum aktuellen Zustand des Museums kann man sicher sagen: Alles beginnt erst! Da sind Erfahrungen, da sind neue Ideen, da sind Möglichkeiten. Vielleicht werden da auch die Mittel sein, um einem Großteil dieser Ideen nachgehen zu können. Schauen wir einmal, dann seh’n wir schon…

— [Überblick] —

Die formelle Eröffnung

30. Juni 2012: Die Wiedereröffnung des Grazer Johann Puch-Museums am neuen Standort, der denkmalgeschützten „Halle P“ des vormaligen Einser-Werkes, brachte etliche altgediente Puchianer, Männer wie Frauen, auf dem historischen Terrain zusammen.

Auch Funktionstragende der Kommunalpolitik fanden sich ein, um diesen Zwischenstand zu begutachten. Zwischenstand deshalb, weil das Museum aufgrund seiner Konzeption work in progress ist, also in steter Veränderung begriffen.

Das ovale Frontemblem weist den Steyr-Puch 500 der ersten Produktionsphase aus

Als ein Ort, an dem unsere Mobilitätsgeschichte verhandelt und gezeigt wird, würdigt es zwar den Genius loci, Altmeister Johann Puch, geht aber weit über sein Tun hinaus. So reicht die Schau von frühen Fahrrädern über erste Automobile zu zukunftsweisenden Prototypen und Unikaten, beinhaltet aber auch Elemente von Raumfahrzeugen, die ins All deuten, also über den Planeten hinaus.

Dieses Projekt ist keine staatliche Einrichtung mit Kuratoren, wissenschaftlichem Personal, Haustechniker und Putzmannschaft. Es ist „Bottom up“ entstanden, von der Basis engagierter Bürgerinnen und Bürger her; nicht wenige davon früher im Puchwerk, genauer: bei der Steyr-Daimler-Puch AG tätig.

Ein großer Teil der gezeigten Objekte stammt aus privatem Besitz, einige der Leihgaben kommen von Betrieben, einschlägigen Unternehmen.

Von links: Gerhard Stiegler, Karlheinz Rathkolb und Peter Piffl-Perčević

Das Trio im Kreis all der Leute, welche dieses Museum möglich gemacht haben, symbolisiert den Modus. Karlheinz Rathkolb (Mitte) repräsentiert den privaten Verein, der Träger des Museums ist. MAGNA-Vorstand Gerhard Stiegler (links) steht für Wirtschaftstreibende, deren Sponsorleistungen den laufenden Betrieb sichern. Peter Piffl-Perčević (rechts) vertritt hier die öffentliche Hand, deren kulturelle Agenda Beiträge zum Museumsbetrieb nahelegen.

Konzepte und Einzelstücke: Der Mila Alpin Pure von Magna Steyr zitiert in der Frontpartie den Steyr-Puch Haflinger in seiner Amerika-Ausführung.

Eines der großen Themen seit über hundert Jahren ist die individuelle Mobilität durch Kraftfahrzeuge. Das war bis nach dem Zweiten Weltkrieg einer gut situierten Minorität vorbehalten. Im Grazer Museum können Sie sich ansehen, wie es zum heutigen Stand der Dinge kam und wohin das eventuell weist…

— [Übersicht] —

Raritäten

Zur stattlichen Portrait-Marke, mit welcher die österreichische Post Johann Puch würdigt, hat Museums-Leiter Kalheinz Rathkolb eine kleine Serie von Vignetten auf Kuverts übertragen. Sie zeigen Motive, die bisher in einschlägigen Publikationen eher nicht zu finden sind und sollen Sammlern eine spezielle Freude bereiten.

Diese fünf Motive sind verfügbar

In Kombination mit der neuen Marke und einem Stempel des Hauses bietet sich Ihnen eine Rarität, die nur in kleiner Auflage produziert wird. Fragen Sie im Museum danach!

Das ist der "amtliche" Ersttagsbrief der Post

— [Übersicht] —

Blicken wir Richtung Herbst!

In seinem „Eposé EXPOSÈ Johann Puch Museum Graz“ erwähnt der Grazer Gemeinderat Peter Piffl-Perčević auch pädagogische Agenda und betont dabei ausdrücklich Mädchen, bei denen „technisches Interesse ganz im Vorbeigehen geweckt werden“ solle.

Peter Piffl-Perčević ist überzeugt, daß das technische Interesse von Mädchen verbesserte Zugangs-Chancen braucht

Dieses Anliegen hat unter anderem mit der Tatsache zu tun, daß in der Steiermark zum Beispiel fast 60 Prozent der Mädchen, die eine Lehre angehen, sich zwischen gerade einmal sechs von mehreren hundert Lehrberufen entscheiden (Friseurin, Einzelhandelskauffrau etc.).

Das bedeutet, der Volkswirtschaft entgehen unzählige Talente für den technischen Bereich. Ähnlich ist es auf universitärer Ebene. Von der TU Graz erfahren wir etwa, daß die Zugänge von Frauen schon länger stagnieren. Auch hier sollten wir nicht zulassen, daß Talente fern bleiben.

Vom AMS erfahren wir, daß der Bedarf an ungelernten, niedrig qualifizierten Arbeitskräften in Österreich rapide sinkt. Das bedeutet im Gegenzug, die österreichischen Betriebe suchen hoch qualifizierte Leute, Männer wie Frauen. Um ein Beispiel herauszugreifen: Im Raum um Gleisdorf, Richtung Weiz, herrscht zur Zeit Vollbeschäftigung.

 

Eine „kunst ost“-Delegation auf Besuch bei „Elin Motoren“: Selbstverständlich finden auch Frauen solche Branchen interessant!

Magna Steyr, Wollsdorf Leder, Elin Motoren etc., nicht nur die Automobilbranche ist hier präsent. Die Industriebetriebe könnten zur Zeit, das bestätigt Wirtschaftslandesrat Christian Buchmann, mehr Facharbeiterinnen und Facharbeiter brauchen, als verfügbar sind. Auch das spricht dafür, den Mädchen Zugänge zu technischen Berufen zu ebnen, egal, ob auf der Ebene des Handwerks oder für akademische Laufbahnen.

Wie geht sowas konkret? Das bedarf vieler Ideen. Ein Beispiel: Mirjana Peitler-Selakov ist als Diplomingenieurin der Elektrotechnik einerseits Functional Safety Manager bei MAGNA E-Car Systems, als graduierte Kunsthistorikerin andrerseits im Kulturbereich engagiert, etwa als Kuratorin für den Verein „kunst ost“. Ihr Konzept für ein „FMTech_Lab!“ [link] geht gerade in erste Abschnitte einer Praxis-Phase.

Medienkünstler Niki Passath beim Gleisdorfer Roboter-Workshop mit Schülerinnen

Dazu gehörte dieser Tage ein Wokshop in Gleisdorf, für den Peitler-Selakov den Medienkünstler und Robotiker Niki Passath [link] (Universität für Angewandte Kunst, Wien) engagiert hat. Der Workshop „Crazy Robots: Laß die Technik tanzen!“ war für Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren konzipiert. Ein sehr ermutigender Erfahrungsschritt, dem weitere folgen werden. Sieh dazu: [link]

Karlheinz Rathkolb, der Leiter des Museums, hat diese Anregung aufgegriffen und erwägt, kommenden Herbst so einen Workshop im neuen Tagungsraum des Hauses anzubieten. Dazu gibt es einen ganz konkreten Anlaß, den „Tag des Denkmals“, der heuer am 30. September stattfinden wird: [link]

Diese österreichweite Veranstaltungsreihe ist Teil von “The European Heritage Days“: [link] In der Beachtung unseres kulturellen Erbes klären wir stets neu, was a) unsere aktuellen Standpunkte ausmacht und wie wir b) unsere weiteren Schritte in die Zukunft lenken wollen. Naheliegend, daß das Puch-Museum an seinem historische bedeutsamen Standort eine interessante Rolle in solchen soziokulturellen Prozessen entwickeln kann.

Roller-Fest: Persönliches

Aus dem kühlen Morgen wurde ein warmer Sommertag mit scharfem Licht. Aus allen Richtungen brummten, möppelten und hechelten betagte Triebwerke daher, teils in blitzende Mäntel gepackt, teils entspannt in der Patina ihrer Jahre erhalten. Gut gelaunte Männer und Frauen lenkten die Klassiker über den Asphalt oder gleich durch die Wiese. Und im neu eingerichteten Museum wurden Erinnerungen ausgetauscht…

 Jetzt setzt’s was: Museums-Leiter Karlheinz Rathkolb bei der Sprechprobe

Club-Atmosphäre: Christian Dichtl (links) und Nicholas Wilkinson vom „Club-Magazin“ beim Auspacken

Puchianer beim Fachsimpeln, von links: Ferdinand „Fredi“ Thaler, Karlheinz Rathkolb und Manfred Fuchs

Praktizierender Puch-Pilot: Peter Piffl-Perčević wurde von Kindeshand eindeutig markiert.

 — [Überblick] —

Fahrzeug: Puch Roller RL 125

Ich war im Puch-Museum zugange, hatte anschließend noch ein Arbeitsgespräch mit Sandra Kocuvan und Gerald Gigler vom Land Steiermark. Im Kulturbereich sind ja allerhand neue Schritte zu gehen. Abteilung 9 und Abteilung 16, ich bin manchmal ganz vergnügt, welche Querverbindungen sich mit welchen Themenstellungen herstellen lassen.

Karlheinz Rathkolb macht eine Salonrunde mit der "Daisy" (DS 50), Franz Tantscher bei der Gartenarbeit, bald wird eröffnet

Mobilitätsgeschichte. Und überhaupt. Wer sich im kulturellen Geschehen des Landes engagiert, sollte wenigstens eine skizzenhafte Vorstellung der sozialgeschichtlichen Kräftespiele innerhalb der letzten 150 Jahre haben. Damit bin ich auch (kein Zufall!) bei der Biografie von Johann Puch, dessen 150. Geburtstag wir in wenigen Tagen feiern: [link]

Er ist ein Kind dieser damals neuen Kräftespiele, er wurde zu einem prominenten Akteur dieser Entwicklung, die mit dem Fahrrad begann die Welt zu verändern und in seinem „Generalfetisch“, dem Automobil, einen Angelpunkt erhielt, der zum Verständnis des 20. Jahrhunderts nicht ignoriert werden kann.

Robust auf Jahrzehnte: Der RL 125 (Fußnote: Der sechsbeinige Hund von Agip auf der Tonne ist nun auch gleich Geschichte.)

Aber ich schweife ab. Das Arbeitsgespräch brachte mich in die Gegend des Hilmteiches. Eine günstige Fügung, weil ich von da aus natürlich den Weg nach Gleisdorf über die Ries nahm.

Das war ja zu Zeiten von Johann Puch eine Rennstrecke, auf der sich seine Fahrzeuge bewährt haben. Das ist heute natürlich eine Route, auf der beim Fahren Zurückhaltung empfohlen wird. Und das ist eine Straße, an der ein kleines „Roadhouse“ steht, eine Imbiß-Bude, nach der ich mich zu einem heftigen Wendemanöver genötigt sah.

Da hatte was gefunkelt. Die Formgebung ist zum Glück derart prägnant, daß einem selbst der flüchtigste Blick im Vorbeihuschen verrät: Ein Puch-Roller. Dieser Fahrzeugtyp ist jetzt gerade einmal 60 Jahre in der Welt; dazu das kleine Jubiläumstreffen beim Museum: [link]

Das geklebte Fahrtenbuch, zur Erbauung der Passanten

Die Farbe dieses RL 125 ist natürlich nicht amtlich, erst bei den großen 150ern wurde es richtig bunt. Sein Zustand läßt auf ungehemmten Alltagseinsatz schließen. Die schwarze Nummerntafel (Oberösterreich) belegt, daß er schon sehr lange ungebrochen angemeldet ist.

Die Aufkleber, mit denen das vordere Kotblech bedeckt ist, sind in der Art, wie sie in meinen Kindertagen weit verbreitet waren. Dieser Roller macht es also offensichtlich schon viele Jahrzehnte…

— [Fahrzeuge] —

Fahrzeug: Niederrad („Safety“) von 1889, Ära Puch

Wenn wir auf der neuen Museums-Website den Fahrzeugbereich aufblättern, ist es sehr passend, daß das erste einspurige Fahrzeug dieses ist; nämlich ein Niederrad („Safety“) von etwa 1889, also aus jenen Tagen, da Puch seine Karriere in Graz voranbrachte.

Es ist eines der ältesten Fahrräder, welches man in der Steiermark noch aus der Nähe sehen kann… Falls man Gelegenheit dazu bekommt, denn es befindet sich in Privatbesitz der Familie Edegger-Tax.

Museums-Leiter Karlheinz Rathkolb (links) und Mechaniker Franz Tantscher bereiten die Rarität für die Eröffnungsausstellung vor

Zur Herkunft heißt es: Das exquisite Stück ist eines von zehn Exemplaren, welches seinerzeit für die Zustelldienste von der Bäckerei angekauft wurden. Der Rest der Räder dürfte im Arbeitsalltag der Bäcker-Burschen verschlissen worden sein, dieses aber geriet in irgend einem Winkel in Vergessenheit.

Eine schöne Geschichte, aber kaum stichhaltig, weil wir hier eigentlich ein Kinderrad sehen. Eine andere Geschichte nennt einen Antiquitätenhändler, der es aus Polen beschafft haben soll. Weitere Geschichten werden noch zu erfahren sein.

Zu jener Zeit war England maßgeblich und stilprägend, was die neuen Fahrradformen anging. Wie das „Waffenrad“ aus Steyr waren quer durch Europa viele neue „Sicherheitsfahrräder“ („Safeties“) meist Lizenzbauten britischer Vorbilder.

Um beim genannten Beispiel zu bleiben: Das bei uns heute noch so populäre „Waffenrad“ ist historisch die Lizenzversion des „Swift“-Fahrrades der „Coventry Machinists Co.“ Auch die sehr verbreiteten „Dutchbikes“/“City-Bikes“ gehen auf britische „Roadster“ zurück.

Zurück zu jenem von Edegger-Tax. Die Besonderheit des Fahrzeuges: Es markiert den Umbruch von den sehr teuren und ebenso gefährlichen, weil sturzanfälligen „Hochrädern“ zu den modernen „Sicherheitsrädern“, die in der Folge zu einem Hauptereignis des individuellen Massenverkehrs werden konnten.

Tretkurbel und Hinterrad sind fix verbunden, links an der Nabe der kleine "Teller", ein "Fußraster". Die "Spurstange" rechts hat am vorderen Ende ein Gewinde, wodurch wohl die Kette gespannt werden kann.

Das Hinterrad ist ohne „Freilauf“, die Tretkurbel rotierte also immer mit dem Rad mit. Man sieht auf der linken Seite der Achse einen kleinen „Fußraster“ hervorlugen, auf dem wenigstens ein Fuß ruhen konnte, falls es gerade flott dahin ging.

Die schlanken Vollgummireifen waren damals sicher schon ein Fortschritt an Komfort und die große Karbid-Lampe ergab eine wichtige Sicherheitseirichtung; etwa um in Dämmerung und Dunkelheit gesehen zu werden. Bedenken Sie, die Menschen waren damals auf den Straßen noch nicht mit dem Tempo vertraut, das ein Bursche in guter Kondition auf so einem Rad erreichen konnte.

Das Fahrrad ist in faszinierendem Originalzustand

Autos waren damals noch kaum bekannt, Pferdefuhrwerke und Straßenbahnen repräsentierten ein anderes Geschwindigkeits-Universum. Es war durchaus üblich, unterm Gehen die Zeitung zu lesen oder sonst wie vom Verkehrsfluß abgelenkt zu sein. Da kam es mit den neuen „Rasern“ öfter zu Kollisionen und zu heftigen Streitigkeiten auf der Straße.

— [Fahrzeuge] —

Karlheinz Rathkolb: Willkommen!

Liebe Freundinnenn und Freunde des Johann Puch-Museums!

Am 27. Juni 2012 feiern wir den 150. Geburtstag von Johann Puch. Dazu ist für mich ein großer Wunsch in Erfüllung gegangen, was Sie vielleicht auch freuen wird. Nach mehreren Anläufen und einigen Jahren Ringen um diese Möglichkeit ist das Johann Puch-Museum jetzt in der denkmalgeschützten „Halle P“ auf dem Terrain des früheren „Einser-Werkes“ untergebracht.

Das älteste Rad aus der Ära Puch im Museum, ein "Niederrad" aus dem Jahre 1889 (im Besitz des Hauses Edegger-Tax)

Das bedeutet, wir befinden uns in einer Halle, die ab 1908 in Etappen erbaut wurde und noch heute in ihrer Substanz authentisch dasteht. In dieser Halle, wo der „Alpenwagen“, den wir nun wieder hier haben, hergestellt wurde, ist der Altmeister persönlich zugegen gewesen.

• Am Mittwoch, dem 27. Juni 2012, gibt es am neuen Standort von 10:00 bis 17:00 Uhr ein Sonderpostamt mit der Präsentation einer Sondermarke der Österreichischen Post AG, die Johann Puch in der Blüte seiner Jahre zeigt.

• Am Samstag, dem 30. Juni 2012, gibt es ab 18:00 Uhr ein Abendprogramm mit der offiziellen Eröffnung des neu gestalteten Museums. Sie werden neben dem „Alpenwagen“ von 1919 auch die Puch „Voiturette“ von 1906 sehen können; und das älteste bekannte Fahrrad von Puch, ein wunderbar puristisches Niederrad von 1889.

• Am Sonntag, dem 1. Juli 2012, gönnen wir uns von 9:00 bis 13:00 Uhr eine gemeinsame Ausfahrt in das ARBÖ Fahrsicherheitszentrum in Ludersdorf (bei Gleisdorf). Wer sich zeitgerecht anmeldet, kann diese Anlage kostenlos nutzen. [Anmeldung]

Alle Details finden Sie auf unserer neuen Website unter: [link] Ich lade Sie herzlich ein, diese Tage mit uns gemeinsam zu genießen.

Ihr
Karlheinz Rathkolb

P.S.:
Es gibt davor übrigens eine kleine „Aufwärmrunde“. Am Samstag, dem 23. Juni 2012, treffen sich ab 9:30 Uhr Reiselustige vor dem Museum, um in einer kleinen Ausfahrt das Jubiläumstreffen „60 Jahre Puch-Roller“ zu zelebrieren.

 

Fahrzeuge: Puch U3

Wer die Pucherl auch heute noch auf der Straße erkennt, hat dennoch vielleicht keinen der Prototypen je gesehen. Sie sind, bis auf ein einzelnes Blechteil, verschollen. Aber es gibt Fotos. In einem Gespräch mit Ferdinand „Fredi“ Thaler [link] und Ing. Harald Sitter [link] habe ich erfahren, die Karosseriebleche der Prototypen seien zuletzt unter einer Rampe auf dem Werksgelände gelegen. Sie wurden also entweder verschrottet oder es hat sie ein Liebhaber mitgenommen.

Der Prototyp Puch U3

Wir machen uns gewöhnlich keine Vorstellung, was Massenproduktion für eine komplexe Angelegenheit ist. In der Automobilgeschichte hat es bei uns gut ein halbes Jahrhundert gedauert, bis sich nach den ersten modernen Automobilen die Fließbandfertigung etablieren konnte.

Als die Entscheidung gefallen war, daß in Steyr nur mehr LKW produziert werden sollten und die PKW-Produktion der Steyr-Daimler-Puch AG sich in Graz abspielen solle, als klar war, daß es einen eigenen PKW made in Thondorf geben werde, entstanden einige Prototypen, die nicht erhalten geblieben sind.

Wenn sich der noch existierende Motordeckel des U3 wie etwas Biologisches klonen ließe könnte man ja vielleicht so a la „Jurassic Park“ einige frühe Pucherln aus der Retorte holen. Aber das geht eben nicht. Immerhin gibt es noch ein paar wenige Fotos aus jener Zeit. Eines (oben) konnte ich im Archiv von Karlheinz Rathkolb entdecken.

Der U3 als Kartonmodell aus der Werkstatt von Michael Toson

Das Bild zeigt den properen U3. Die Bremstrommeln zeigen schon, was Sache ist. Die „Wulst“ über dem Radkasten ist keineswegs bloß Gestaltungselement, wie sie es etwa beim Mercedes-Benz 190 SL, dem „kleinen Bruder“ des legendären „Flügeltürers“, war. Sie hat hier eine praktische Funktion. An der Unterseite gab es links und rechts Luftschlitze zur Beatmung des Heck-Motors.

Des kecke Ende des Kotflügels, in dem die Rückleuchte ruht, verrät uns heute, daß man damals keine Scheu hatte, an großen Designs Maß zu nehmen. Aber es erwies sich ökonomisch als chancenlos, so eine Karosserie in Serie zu produzieren, weshalb die Entscheidung zu Karosserieblechen des langjährigen Kooperationspartners Fiat führte.

Nach einem Holzmodell im Museum entwarf Michael Toson [link] einen Bastelbogen, mit dem sich der U3 als Miniatur nachbauen läßt.

— [Fahrzeuge] —